Auschwitz Gaskammer. Bild: Jason M Ramos/CC BY-2.0 (Bild)


Am 27.Januar gedenkt das offizielle Deutschland der Befreiung des KZ Auschwitz und den Opfern des NS-Regimes. Eine große Opfergruppe wird wohl keine Erwähnung finden. 

Eine erste Gruppe sowjetischer Kriegsgefangenen kam bereits Ende Juli 1941 nach Auschwitz. Nach Forschungsergebnissen der im staatlichen polnischen Auschwitz-Museums tätigen Historiker waren es politische Kommissare der Roten Armee, Staatsbedienstete wie auch gewöhnliche Akademiker. Sie wurden offenbar nur nach Auschwitz gebracht, um sie dort zu töten, vor allem in der nahe dem Stammlager gelegenen Kiesgrube zu erschießen.

Eine große Gruppe von rund 600 sowjetischen Gefangenen wurde am 3. September 1941 unter der Regie des stellvertretenden Lagerkommandanten Karl Fritzsch gemeinsam mit rund 250 kranken polnischen Zivilgefangenen in die Keller des Lager-Blocks 11 getrieben und mit Zyklon B vergast. Die oberen Stockwerke waren zuvor geräumt, das SS-Personal war mit Gasmasken ausgestattet worden. Die Aktion gilt trotz mancher Unzulänglichkeit, so musste der Gaseinsatz nach 2 Tagen wiederholt werden, weil immer noch einige lebten, als erfolgreicher Probelauf für die Massentötung durch Zyklon B. Danach suchte man nach einer besseren und dauerhaften Einrichtung für die geplanten Massentötungen. Die Leichenhalle wurde dafür umgebaut. In die Decke wurden mit Filz abdichtbare Löcher für das Einwerfen der Gasbehälter gehauen, die Tore mit einer besonderen Verriegelung versehen. Allein im November und Dezember 1941 wurde von rund 1000 von der Gestapo Kattowitz selektierten sowjetischen Kriegsgefangenen ein Großteil in dieser modellhaften Gaskammer ermordet, während andere erschossen wurden. Viele der „Politisch Verdächtigen“ wurden allerdings erst gar nicht in Gefangenenlager überstellt, sondern von Angehörigen der sog. Einsatzgruppen bereits in der Nähe der Front getötet.

Aufgrund des großen Zustroms von gefangenen Sowjetsoldaten wurden für deren Unterbringung ab Mitte September 9 Blöcke des auf einem ehemaligen Kasernengeländes eingerichteten Stammlagers mit Stacheldraht vom übrigen Teil des Lagers abgetrennt. Über dem Tor dieses Lagers stand „Russisches Kriegsgefangenen Arbeitslager“. Die Mortalitätsrate unter den Rotarmisten war unabhängig von laufenden Tötungen bereits in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft sehr hoch, weil sie nach einem brutalen Aufnahme- und Desinfektions-Ritual oft tagelang nackt und ohne Lebensmittel blieben.

Für den Aufbau des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im geräumten polnischen Dorf Brzezince, das dann zur großen Tötungsfabrik für europäische Juden und Roma wurde, soll nicht zuletzt eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit der großen Zahl von der Wehrmacht gefangener Sowjetsoldaten Anlass gewesen sein. Allein für 1941 wird von insgesamt ca. 3 Mio. ausgegangen. Beim Bau von Auschwitz-Birkenau wurden ab Ende 1941 dann auch sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt. Völlig unzureichend versorgt, waren sie dort die erste Gruppe, die dem SS-Motto „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen war.

Der im Auschwitz-Museum tätige Historiker Jacek Lachendro sprach in einer vom Auschwitz-Museum, dem Moskauer „Museum des Vaterländischen Krieges“ und der Universität Krakau am 15.10.2016 veranstalteten Tagung von mindestens 15.000 sowjetischen Gefangenen im KZ Auschwitz. Die Tagung, an der sich deutsche Einrichtungen nicht beteiligten, fand anlässlich der 75. Wiederkehr der Überstellung von rund 10.000 gefangenen Rotarmisten aus den schlesischen Strafgefangenenlagern Neuhammer und Lamsdorf nach Auschwitz statt. Von den insgesamt rund 15.000 sowjetischen Kriegsgefangenen in Auschwitz, so Lachendro, seien ungefähr 3000 ohne Registrierung kurz nach der Einlieferung ermordet worden. Viele der übrigen seien in den ersten Monaten der Inhaftierung verhungert, erfroren oder an Infektionskrankheiten und Erschöpfung gestorben. Nach Birkenau seien im März 1942 nach Liquidierung des „Russischen Kriegsgefangenen Lagers“ nur noch einige hundert Häftlinge verlegt worden. Abgesehen von einzelnen Gruppen, die in andere Lager verfrachtet wurden, und den 96 beim letzten Appell der SS-Lagerleitung am 17.1.45 noch Lebenden, so die Recherche Lachendros, sind alle in Auschwitz inhaftierten sowjetischen Militärangehörigen, insgesamt etwa 14.000, ums Leben gekommen.


Sowjetische Kriegsgefangene im KZ Mauthausen. Bundesarchiv, Bild 192-364 / CC-BY-SA 3.0 (Bild)


Der mit Gedenkstättenarbeit befasste Historiker Rolf Keller schreibt in seiner Studie „Sowjetische Kriegsgefangene im Arbeitseinsatz 1941-45“ von 5,3 bis 5,7 Mio. sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen 2,6 bis 3,3 Mio. in deutscher Gefangenschaft zu Tode kamen. Die Sterblichkeitsrate war also, trotz i. d. R. deutlich kürzerer Gefangenschaft, sehr viel höher als bei den rund 3,2 Mio. deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, von denen eine knappe Million ihre Heimat nicht wieder sah. In das Reichsgebiet von 1939 kamen sowjetische Kriegsgefangene erst Anfang 1942. Sie wurden in Konzentrationslagern oder in speziellen „Russen-Lagern“ untergebracht. Der Transport in diese Lager erfolgte oft in offenen Güterwaggons.

Die Bedingungen in den „Russen-Lagern“ unterschieden sich grundsätzlich von denen in den Lagern z. B. für französische oder niederländische Gefangene. Die Anwendung der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen wurde im Fall der sowjetischen Kriegsgefangenen ausdrücklich ausgeschlossen. Auch die Situation der ca. 600.000 polnischen Militärangehörigen in deutscher Gefangenschaft, die in der Mehrzahl in kleinen Gruppen vor allem Landwirtschaftsbetrieben als Zwangsarbeiter zugewiesen wurden, war besser als die der gefangenen Sowjetsoldaten. Ein „Merkblatt für die Bewachung sowjetischer Kriegsgefangener“ forderte „ständige scharfe Bewachung“ und bei Fluchtversuchen den Schusswaffeneinsatz ohne Anruf. Jegliche Unterhaltung mit den Gefangenen war dem Wachpersonal verboten. Erst mit Himmlers Ausrufung einer „modernen Sklavenhalter-Regierung“ am 9. Juni 1942 und den wachsenden Arbeitskräfte-Defiziten in der deutschen Wirtschaft wurden auch die gefangenen Sowjetsoldaten konsequent zu Arbeiten außerhalb der Lager herangezogen.

Unbedingte Rücksichtslosigkeit wurde zum Prinzip des Feldzugs gegen Russland

Der Krieg gegen die Sowjetunion war nach Ansicht des Nationalsozialismus-Forschers und Militärhistorikers Andreas Hillgruber von Beginn an als „rassenideologischer Vernichtungskrieg“ angelegt. Der bekannte Zeithistoriker Hans Mommsen geht in seinem Buch „Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ davon aus, dass nur der für das Dritte Reich ungünstige Kriegsverlauf die Menschen der Sowjetunion vor einem systematischen Vernichtungsprogramm bewahrte.

Hitler hatte mit dem sog. Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, der im Rahmen des „Unternehmens Barbarossa“ den Strafverfolgungszwang bei Straftaten von Wehrmachtsangehörigen gegen Zivilisten aufhob und Wehrmachtsoffizieren ein Exekutionsrecht ohne Verfahren einräumte, unbedingte Rücksichtslosigkeit zum Prinzip des Feldzugs gegen Russland gemacht. Der deutsche Imperialismus sollte seine Expansionsgebiete nicht wie in Zeiten des wilhelminischen Flottenbaus in Übersee, sondern in Osteuropa finden. Im Rahmen des aus Himmlers Planungsamt stammenden Vorstellungen eines „Generalplans Ost“ waren 330.000 Quadratkilometer der Sowjetunion für eine deutsche Besiedlung vorgesehen. Die dort lebende Bevölkerung sollte zu „50-60% vernichtet“, der Rest vertrieben oder zur Zwangsarbeit herangezogen werden. Die natürlichen Reichtümer der UdSSR ausserhalb des geplanten deutschen Siedlungsraums, so die ertragreichen Agrarflächen im Süden und die Ölquellen des Kaukasus, sollten unter deutsche Kontrolle kommen, Restbestände russischer Staatlichkeit in Richtung Ural abgedrängt werden.

NS-Propaganda und administrative Anweisungen lieferten den unmittelbaren Anstoß für die unmenschliche Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Wurzeln für deren Einstufung als „Untermenschen“ aber liegen in dem sich Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in preußisch-protestantischen Milieus schnell entwickelten Antislawismus. 1891 war mit dem Alldeutschen Verband eine mit vielen Zeitungsredaktionen gut vernetzte Lobbyorganisation des deutschen Imperialismus entstanden, deren Propaganda für ein deutsches Expansions- und Kolonisierungs-Programm in Osteuropa bereits völkisch-rassistisch durchsetzt war. Journalisten und Literaten sorgten in breiten Bevölkerungskreisen für die Vorstellung von einer Überlegenheit der „nordisch-germanischen Rasse“ wie eines rückständigen, aber bevölkerungsstarken und bedrohlichen Slawentums. Kaiser Wilhelm sprach 1912 im Vorfeld des 1. Weltkriegs vom bevorstehenden „Entscheidungskampf zwischen Slawen und Germanen“. Im Ersten Weltkrieg wurde die mit Plünderungen und Übergriffen auf die Zivilbevölkerung verbundene kurzzeitige Besetzung von Teilen Ostpreußens durch die russische Armee zu einer breiten Hetzkampagne genutzt. (In Frankreich und Großbritannien wurde nach deutschen Kriegsverbrechen im neutralen Belgien der Begriff „neue Hunnen“ populär). Der in Ostpreußen tätige General von Morgen rief sogar die bis dahin verachteten Polen zum Kampf gegen die „russischen Barbaren“ auf.

Das von Verachtung wie auch einer unbestimmten Angst geprägte Russland-Bild großer Teile der deutschen Elite wurde durch die Oktoberrevolution verstärkt und durch den an Eigeninteressen orientierten pragmatischen Umgang der Weimarer Regierungen mit der neuen Sowjetmacht (Militärkooperation, Intensivierung der Handelskontakte) kaum gemindert. Auch dass kleinere Teile der deutschen Intelligenz und die KPD mit einer gewissen Faszination die sowjetischen Entwicklungen verfolgten, änderte am landläufigen Russland-Bild wenig. Nach 1933 fand das Feindbild „Russland“ unter dem Slogan des „Juda-Bolschewismus“ eine weitere Ausprägung. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 sorgte nur im Unterbau der NS-Bewegung für eine kurzzeitige Desorientierung, während viele Eliten-Angehörige in ihm eine strategische Meisterleistung des Führers sahen. Und im Juni 1941 waren hinsichtlich des „Todfeindes“ jegliche Irritationen beseitigt.

Heute ist das Russland-Bild aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter oder wieder lebendig

Der 27. Januar, an dem 1945 das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde, ist seit 1996 ein „gesetzlich verordneter Gedenktag“, der den Opfern des Nationalismus gewidmet ist. 2025 fand im Bundestag am 29.1. die Gedenkveranstaltung statt, da Bundespräsident Steinmeier am 27.1. an der zentralen Veranstaltung in Auschwitz teilnahm. Als Gastredner im Bundestag war der Vorsitzende des ukrainischen Verbandes für jüdische Holocaust-Überlebende, Schwarzman, geladen. Bundestagspräsidentin Bas erinnerte in ihrer Eröffnungsrede an die verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes, von den Juden, den Sinti und Roma über die Zeugen Jehovas und queere Menschen bis zu den Euthanasie-Opfern. Sie nannte auch allgemein „Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter“: Die ermordeten Sowjetsoldaten, immerhin die zweitgrößte Opfergruppe, waren der SPD-Politikerin aber keine Erwähnung wert. Auch Bundespräsident Steinmeier achtete sorgfältig darauf, die sowjetischen Kriegsgefangenen nicht zu erwähnen. Er konzentrierte sich auf die größte Opfergruppe, die Juden, und nutzte die Anwesenheit Schwarzmans, um der ukrainischen Führung weitere Unterstützung in deren „Kampf…gegen den furchtbaren Krieg, den Putin gegen die Ukraine führt“ zu versichern. Im Unterschied zu den Reden von Bas und Steinmeier werden in deutschen Medien und offiziösen Stellungnahmen sowjetische Kriegsgefangene als Häftlinge in Auschwitz durchaus erwähnt. Dass sie die ersten Opfer einer Massenvernichtung mittels Zyklon B waren, wird aber zumeist verschwiegen.

Heute ist das Russland-Bild aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter oder wieder lebendig. Insbesondere nach den Maidan-Ereignissen 2013/14 wurde für die „veröffentlichte Meinung“ wichtig, einen angeblich historisch begründeten, grundlegend unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsstand der Ukraine im Vergleich zu Russland herauszustellen. Die Ukraine habe schon frühzeitig „einen festen Platz in der mentalen Landkarte Europas“ eingenommen, während in Russland nach dem Zerfall der Mongolenherrschaft das „Ideal einer Herrschaftsordnung in der zentralisierten Autokratie des Zaren“ gesehen wurde, schreibt der in Deutschland verhätschelte Schweizer Historiker Andreas Kappeler in seinem 2017 erschienenen Bestseller „Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer“.

Kappeler, dessen „Kleine Geschichte der Ukraine“ Standardwerk in deutschen Bibliotheken ist, bedient in „Ungleiche Brüder…“ den Mythos der ukrainischen Nationalbewegung von einer Jahrhunderte alten ukrainischen Nation als Teil des „aufgeklärten Europas“, während der Hinwendung der ukrainischen Nationalisten zum Faschismus in der 1. Hälfte des 20.Jahrhunderts und vor allem deren bis heute nicht erfolgter politischer Aufarbeitung keine besondere Bedeutung zugemessen wird. Speziell nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 gaben deutsche Medien und Politiker beim Rückgriff auf antirussische Ressentiments jegliche Zurückhaltung auf.

Wer bei google.de „Russen morden, rauben, vergewaltigen“ sucht, wird mit einer Fülle von Links zu verallgemeinernden Berichten über Russland und die Russen bedient. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung betitelt im Juli 2022 einen Artikel über Russland mit „Verrohtes Russland – eine Gesellschaft der Gewalt“. Während in UN-Berichten beiden Kriegsparteien im Ukraine-Krieg Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen werden, hat man sich in Deutschland unter Bezug auf angeblich gezielt als Kriegswaffe eingesetzte Sexualverbrechen russischer Militärangehöriger spezialisiert. „Sexuelle Gewalt ist zu einer Waffe im Angriffskrieg gegen die Ukraine geworden“, behauptet z. B. die Böll-Stiftung. Geschickt spielt man damit auf die in der (west-)deutschen Geschichtsschreibung sehr präsenten, allerdings nie als Kriegswaffe eingesetzten Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Angehörige der vorrückenden Roten Armee 1944/45 an. Auch deutsche Politiker wollen nicht zurückstehen. So schreibt z. B. Michael Roth (SPD), ehemals Staatsminister im Auswärtigen Amt, in seiner Autobiografie „Zonen der Angst“, dass für ihn Russland bereits vor 2022 „ein Terrorstaat, …ein Riesenreich mit einer dunklen, diabolischen Seite“ gewesen sei. Der grüne Außenpolitiker Anton Hofreiter beklagt im November 2025 in seinem Blog, dass die russische Armee in den von ihr eroberten Gebieten ein „Terrorregime“ errichtet habe, welches an die „schlimmsten Verbrechen der Stalinzeit erinnert“ und deshalb „die Ukraine den Krieg … gewinnen“ muss. – Wer würde es angesichts des russischen Teufels-Reichs und Putins stalinistischen Terrors noch wagen, eine differenzierte Sicht auf den Ukraine-Krieg und seine Entstehungsgeschichte wie ein Kompromisslösung in Friedensverhandlungen einzufordern?

Richard KallokRichard Kallok, Jg. 1952, nach kaufm. Lehre und Tätigkeit Studium im
sog. 2. Bildungsweg (Sozialarbeit, Soziologie, Geschichte). Seit 47
Jahren mit Polen familiär verbandelt und politisch befasst. Von 2007
bis 2014 eigenes Nachrichten-Portal zu Polen.
Mehr Beiträge von Richard Kallok →