Neuausrichtung im Südkaukasus Deutschland verliert Einfluss im Südkaukasus – sowohl in Armenien als auch in Georgien, die beide eine multivektorielle Außenpolitik anstreben und dabei sind, ihre Beziehungen zu Russland wieder aufzubessern.
german-foreign-policy.com, 1. April 2025
BERLIN/ERIWAN/TIFLIS (Eigener Bericht) – Deutschland muss bei seinen Einflussbestrebungen im Südkaukasus Rückschläge hinnehmen. Dies zeigt eine Analyse verschiedener politischer Entwicklungen in den Staaten Armenien und Georgien, die in der strategisch überaus wichtigen Region zwischen der Türkei, Russland, Iran und Zentralasien liegen. Hatte sich im Schatten des Ukrainekrieges zunächst die deutsche Präsenz in der Region ausgeweitet – unter anderem mit der Realisierung eines Einsatzes von Polizei und Militär aus der EU an der armenischen Außengrenze –, so erstarkt derzeit vor allem der russische Einfluss wieder. Armenien etwa verhandelt mit Russland über eine Ausweitung des bilateralen Handels, während Georgiens Regierung unter Premierminister Irakli Kobachidse die diplomatischen Beziehungen zu Moskau zu verbessern sucht. Zugleich steht ein EU-Einsatz in Armenien, der von einem deutschen Polizisten geleitet wird, vor dem Abzug, während Georgiens Premierminister dem deutschen Botschafter in Tiflis vorwirft, sich als „Repräsentant der radikalen Opposition“ zu gerieren. Einfluss gewinnen im Südkaukasus neben Russland vor allem China und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Zitat: Ein Friedensvertrag als Zäsur
Am 13. März teilten die Regierungen Armeniens und Aserbaidschans mit, sie hätten sich auf einen Friedensvertrag geeinigt. Dieses Abkommen würde einen politischen Konflikt beenden, der begann, als beide Länder noch zur Sowjetunion gehörten; er zieht sich inzwischen seit über 37 Jahren hin. Bevor der Vertrag unterzeichnet werden soll, muss die armenische Regierung jedoch einige Vorbedingungen Aserbaidschans erfüllen, die das militärisch stärkere Land dem militärisch unterlegenen und ökonomisch schwächeren Armenien oktroyieren kann. Dazu gehört unter anderem die Auflösung der Minsker OSZE-Gruppe zur politischen Lösung des Konfliktes.[1] Darüber hinaus sollen keine ausländischen Polizei- und Militärkontingente mehr entlang der armenisch-aserbaidschanischen Grenze stationiert werden.[2] Das würde ein Ende des EU-Einsatzes in Armenien (EUMA) bedeuten. Die EUMA wird von einem deutschen Bundespolizisten geleitet; im vergangenen Jahr beschloss die Bundesregierung zudem eine Aufstockung des deutschen EUMA-Kontingents.[3] Ein Abzug würde einen Rückschlag für die deutsche Außenpolitik in Armenien bedeuten.
Armeniens multivektorielle Außenpolitik
Die EUMA markierte erstmals eine sicherheitspolitische Präsenz der EU in Armenien. Die verbesserten Beziehungen des südkaukasischen Landes zu EU und USA galten vielen als Zeichen einer multivektoriellen Außenpolitik, die den russischen Einfluss in Eriwan zurückdrängen würde. Bis in die Gegenwart kontrolliert der russische Geheimdienst FSB, in Russland zuständig für den Grenzschutz, Armeniens Außengrenze zur Türkei und zu Iran. An einem Grenzübergang zu letzterem Land hatte unlängst jedoch der armenische Grenzschutz die Kontrolle übernommen. Noch unter US-Präsident Joe Biden hatte zudem die US-Regierung zugesagt, eine Beratergruppe des US-Grenzschutzes nach Armenien zu entsenden. Nach dem Amtswechsel zu Donald Trump verzögerte sich dies. Mitte Januar hatten Vertreter Armeniens und der USA darüber hinaus eine „Charta über eine strategische Partnerschaft“ unterzeichnet.[4]
Russlands Rückkehr
Die neue politische Dynamik des Friedensprozesses zwischen Armenien und Aserbaidschan hat nun aber zu einem Wiedererstarken des russischen Einflusses im Südkaukasus geführt. So gab Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan Mitte März die Order aus, die Beziehungen zwischen Eriwan und Moskau wieder zu verbessern. Eine Reihe von Treffen hochrangiger Vertreter beider Länder folgte unmittelbar. Zudem endeten die Bemühungen der armenischen Regierung abrupt, die russischen Grenztruppen zum Abzug zu drängen. Russische Regierungsstellen verhandelten darüber hinaus mit Vertretern Armeniens über die Wiederaufnahme des Sendebetriebs russischer Regierungskanäle in dem Land und über die Intensivierung des bilateralen Handels.[5] Mit dem Wiedererstarken des russischen Einflusses reduzieren sich die Handlungsoptionen für die deutsche Außenpolitik in Armenien weiter.
Medienversagen
Hinzu kommt eine Verschlechterung der Beziehungen des angrenzenden Georgiens zum Westen. Anlässlich der dortigen Parlamentswahl Ende Oktober 2024 stilisierten diverse Presseberichte in Deutschland den Urnengang zur „Schicksalswahl“ bzw. zur „Richtungswahl“ hoch.[6] Zur Wahl stehe eine „Entscheidung zwischen Putin oder EU“, hieß es etwa [7]; weitere deutsche Medien berichteten in ähnlichem Tonfall [8]. Nach dem Wahlsieg der Partei „Georgischer Traum“, die einst als sozialliberale Kraft gestartet war, mittlerweile aber rechtskonservative Positionen vertritt, titelte Spiegel online: „Putin triumphiert in Tiflis“.[9] Dieser wie auch die meisten anderen Artikel ignorierten wesentliche Fakten der georgisch-russischen Beziehungen seit dem Jahr 2008. Seitdem existieren keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern mehr; in Georgien gilt mit Blick auf die abtrünnigen De-facto-Republiken Abchasien und Südossetien das auch gegen Russland gerichtete „Gesetz über die besetzten Gebiete“; in der UN stimmten die Vertreter Georgiens konsequent für die Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Zwar gibt es seit dem Jahr 2012 einen Normalisierungsprozess zwischen Georgien und Russland, seit einigen Jahren auch wieder Handel in etwas größerem Umfang und seit 2023 erneut Visafreiheit; doch sind beide Regierungen weiterhin weit davon entfernt, die bilateralen Beziehungen zu normalisieren. Von einer ernsthaften Anlehnung Georgiens an Russland kann keine Rede sein.
Ausländische Einflussnahme
Unmittelbar nach den Parlamentswahlen in Georgien verschlechterten sich die Beziehungen des Landes zu einer Reihe westlicher Staaten, allen voran zu Deutschland und zu den USA. Im Verlauf des Urnengangs war es tatsächlich zu mehreren Fällen ausländischer Einflussnahme gekommen. Während große Teile der deutschen Medien sich auf eine angebliche Einflussnahme Russlands konzentrierten, hatten offenbar die Regierungen des EU-Mitglieds Ungarns sowie Aserbaidschans, eines engen Alliierten des NATO-Staates Türkei, der georgischen Regierung auswärtige Hilfe geleistet.[10] Nach dem Urnengang verabschiedete das Europaparlament eine Erklärung, in der es das offizielle Ergebnis nicht anerkannte und eine Wiederholung der Wahl binnen eines Jahres forderte. Der georgische Premierminister Irakli Kobachidse kündigte daraufhin an, seine Regierung werde die EU-Beitrittsgespräche bis zum Jahr 2028 unterbrechen – ein schwerer Rückschlag für Berlin.[11] Darüber hinaus setzte die US-Regierung unter Präsident Biden noch kurz vor dem Amtswechsel in Washington die „Charta über eine strategische Partnerschaft“ mit Georgien außer Kraft.[12]
„Repräsentant der Opposition“
In Georgien kann Deutschland – anders als in Armenien –auf eine jahrzehntelange kulturelle Einflussarbeit zurückblicken. Mehrere georgische Spitzenpolitiker, unter anderem Premierminister Kobachidse und Parlamentspräsident Schalwa Papuaschwili, haben deutsche Universitätsabschlüsse. Papuaschwili hat darüber hinaus nach eigenen Angaben über ein Jahrzehnt lang für die bundeseigene Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in verschiedenen Funktionen gearbeitet.[13] Unter anderem leitete er das georgische Team im GIZ-Büro in der Hauptstadt Tiflis.[14] Auch vor diesem Hintergrund warf Premierminister Kobachidse dem deutschen Botschafter in Tiflis, Peter Fischer, vor, die traditionell freundschaftlichen Beziehungen zwischen Georgien und Deutschland mit der Kritik an der georgischen Parlamentswahl zu schädigen. Fischer handle nicht als diplomatischer Vertreter, sondern als „Repräsentant der radikalen Opposition“, erklärte Kobachidse.[15]
Georgiens neue Partner
Die georgische Regierung verfolgt unter der Regierungspartei „Georgischer Traum“ seit einigen Jahren – wie seit kurzem auch die armenische Regierung – eine multivektorielle Außenpolitik. So strebt sie trotz aller weiterhin bestehenden Spannungen eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit Russland an. Im Jahr 2016 hat Georgien darüber hinaus ein Freihandelsabkommen mit China geschlossen; seit 2020 gehen die meisten georgischen Exporte in die Volksrepublik, und seit demselben Jahr sind beide Länder durch eine „strategische Partnerschaft“ verbunden.[16] Seit einigen Jahren ist Georgien zudem ein Schwerpunktland von Investitionen arabischer Golfstaaten. So erwarb jüngst eine Firma aus den Vereinigten Arabischen Emiraten den Mehrheitsanteil an einem Güterverkehrszentrum in Tiflis; dies deutet darauf hin, dass die Emirate eine stärkere Stellung im sogenannten „Mittleren Korridor“ einnehmen wollen, der aus Zentralasien durch den Südkaukasus nach Europa verläuft. Die emiratische Regierung unterstützt zudem die Nutzung von Solarkraft in Georgien. Seit Oktober 2023 verbindet ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen beide Länder.[17] Die zunehmende Hinwendung der georgischen Außenpolitik zu Ländern wie Russland, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten bedeutet ebenfalls einen Rückschlag für die deutsche Einflusspolitik im Südkaukasus.
[1] Armenia rushes to reengage Russia, aiming to outflank Azerbaijan. eurasianet.org 25.03.2025.
[2] Thomas de Waal: Armenia and Azerbaijan’s Major Step Forward. carnegieendowment.org 17.03.2025.
[3] S. dazu Zwischen den Stühlen (II).
[4] Onnik James Krikorian: New Armenia-U.S. Partnership On Pause. jamestown.org 03.03.2025.
[5] Armenia rushes to reengage Russia, aiming to outflank Azerbaijan. eurasianet.org 25.03.2025.
[6] Oxana Evdokimova, Maria Katamadze: Schicksalswahl in Georgien: Wohin steuert das Land?, dw.com 20.10.2024. Schicksalswahl in Georgien – Europa oder Putin? tagesschau.de 24.10.2024. Felix Klauser: Schicksalswahl für Georgien,;zdf.de 25.10.2024. Florian Naumann: Putin oder EU: Drei Szenarien für die Schicksalswahl in Georgien – „Was macht ihr dann?“ merkur.de 26.10.2024.
[7] Thomas Franke: Entscheidung zwischen Putin oder EU. deutschlandfunkkultur.de 20.10.2024.
[8] Christian F. Trippe: Russland oder EU? Georgien vor der Zerreißprobe. dw.com 16.09.2024. EU oder Russland – welche Richtung schlägt Georgien ein? deutschlandfunk.de 29.10.2024. Reinhard Veser: Ein Land entscheidet zwischen Russland und der EU. faz.net 25.10.2024.
[9] Ann-Dorit Boy: Putin triumphiert in Tiflis. spiegel.de 28.10.2024.
[10] Neil Hauer: Georgia’s Armenians and Azerbaijanis: an easy target for Georgian Dream vote manipulation. intellinews.com 18.11.2024. Nate Ostiller: Did Hungary help hand Georgian Dream victory in the disputed parliamentary elections? oc-media.org 08.02.2025.
[11] Georgia to suspend EU accession talks until 2028. aljazeera.com 28.11.2024.
[12] Onnik James Krikorian: New Armenia-U.S. Partnership On Pause. jamestown.org 03.03.2025.
[13] შალვა პაპუაშვილი, nplg.gov.ge (ohne Datum).
[14] Papuashvili Elected as New Parliament Speaker, civil.ge 29.12.2021.
[15] Beka Chedia: Russian Intelligence Strategizes to Keep Georgian Dream in Power. jamestown.org 12.03.2025.
[16] David X. Noack: Eine georgisch-russische Annäherung?, in: WeltTrends – Das außenpolitische Journal, Jg. 32 (2024), Nr. 201, S. 9–11 (hier: S. 11).
[17] Emil Avdaliani: Georgia and Azerbaijan Expand Engagement With Middle East. jamestown.org 05.02.2025.
Info: https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9930
unser Kommentar: Als Information zur Kenntnisnahme, wobei für uns das kriegerische Geschehen, wie z. B. in der Ukraine sowie in Israel, Palästina und sonstwo, keinerlei Zustimmung bzw. Rechtfertigung erhält.